Back again…
Nun, hier bin ich wieder. Viele werden sich fragen, warum ich in letzter Zeit nichts mehr geschrieben habe, aber – wie immer im Leben – habe ich auch einen triftigen Grund hierfür: Ich will in die Politik. Natürlich nicht ohne neue Konzepte und Ideen – in den letzten Wochen arbeite ich verstärkt an meinem Programm zur Bekämpfung des Überbevölkerungsproblems auf diesem Planeten mit dem Titel ”7 Millarden sind 6 zu viel!”.
Letze Nacht hat die Putzfrau meine gesamten Ausarbeitungen mit einem Schlag vernichtet, als sie das große RISIKO-Spielfeld samt Figürchen und Flaggen zum Saubermachen unsacht in eine Kiste schob. Danach meinte sie noch unverschämt zu mir, bei der Sauerei, die sie wegmachen müsse, wäre mal eine Lohnerhöhung drin. Gut, ich bin ja kein Unmensch, ich sagte ihr 20 % seien machbar, mit 1 Euro 20 pro Tag könne ich leben. Sie zeigte sich erst erfreut, brabbelte dann aber irgendwas von wegen der Heirat meiner, deretwegen sie extra nach Deutschland gekommen sei. Da wurde es mir dann auch zu viel, ich bin ja hier kein Seelenklempner, also schön zurück nach Bankok, das soll sie dann dort der thailändischen Partneragentur vorheulen…
Genug zur Politik, es beginnt mich allmählich zu langweilen. Als engagierter Aquarell-Maler findet man einfach kein Gehör in dieser Gesellschaft. A propos – ja, jetzt kommt eine lang ausgearbeitete Überleitung – Gehör in dieser Gesellschaft: Bisher nahm ich eigentlich an, dass der Hauptzweck von Youtube die Bereitstellung einer Platform für die Videoinhalte eines jeden Nutzers darstellt.
Das stimmt jedoch gar nicht, wie ich letztens feststellen musste, der Hauptsinn liegt darin, einen weltweiten Schalltrichter für die ungehörten Stimmen der Internetnutzer zu liefern. Es scheint so, als ob dies ein idealer Nährboden für die Entwicklung abtrünnigster Diskussionen von Menschen, deren Meinung im richtigen Leben so gefragt ist, wie eine Magersüchtige bei den Weight-Watchers, bildet.
Eine kurze Analyse aller Youtube-Kommentare liefert die Aufteilung:
- 5 % “First-Post” Schreiber, sowie 5 %, die betrauern, dass sie nicht der oder die erste waren.
- 40 % “Geilheits”-Bekundungen an die Autoren des Videos: “OMFG!! O_O awesome vid!!”
- 20 % Zustimmungen aller Art: “me too man lol!”
- 20 % Beschimpfungen gegen andere Nutzer oder die Autoren des Videos: “SHUT THE FUCK UP! Just because YOU don’t like Tokio Hotel doesn’t mean you get to fuck up their comments!”
- 10 % erhitzte Kommentare zu historischen /rassistischen Sachverhalten “I Don’t hate poland but you hate germany so you are the racist! “
- 10 % Kommentare der Leute, die niemals bemerken werden, dass diese Aufteilung nicht 100 % ergibt.
Im Mittelalter war das einfach noch besser. Da konnten die Menschen nicht so – hoppla hopp – mal eben einen Kommentar verfassen. Gut, die meisten konnten damals nicht mal schreiben, aber selbst wenn, dauerte eine Bekanntmachung mehrere Wochen. Nehmen wir mal Luther. Der musste seine Thesen noch an die Kirchenwand hämmern. Oder da gab es noch den Beruf des Proklamators. Wie wäre das auch gekommen?
Mitteralterlicher Marktplatz an einem Samstag-Vormittag. Ein Herr mit einer Schriftrolle steigt von seinem Ross. Fanfaren-Klänge unterbrechen das geschäftige Treiben. *Ta tatata*
“Bürger dieser Stadt. Der User EinfachnurChris hat folgende wichtige Mitteilung zum Youtube-Video “Blümchen – Verrückte Jungs” zu machen. Er lässt verlauten: “sie sieht voll Geil aus!! Kein wunder ich hole mir heut noch einen runter wegen ihr!! Genau jetzt.”
Der Proklamator steigt auf sein Pferd zurück und entschwindet im aufgewirbeltem Staub.
Mein Tipp zum Schluss: vernichten Sie ihre Tastatur (oder wenn Sie an dieser zu sehr hängen, es tun auch Ihre Hände). Denn sobald einmal einen Youtube-Kommentar geschrieben hat, wird man es immer wieder tun. Ohne zu zögern.
